"A difficult life is not
less worth living
than a gentle one."
Andrea Gibson
AKTIVISMUS
und ich
"Ihr alle seid wundervolle lebendige Wesen, mit einem Recht auf eure Integrität."
Diese Worte legte mir eine Therapeutin in den Mund. Sie sagte, sie glaube, ich hätte etwas zu sagen – und sprach diesen Satz aus.
Tränen flossen mir in Strömen über die Wangen.
In mir lebt ein unaufhaltbarer Drang, mit den erdrückenden Zwängen der Normalität zu brechen. Ein Imperativ, mich gegen den Wind zu stemmen. Mich – allen Zweifeln zum Trotz, aus Enttäuschung erst recht und jeder Erniedrigung zuwider – immer wieder aufzulehnen.
Wenn ich mich frage, was mich zur Aktivistin macht, stoße ich immer wieder auf die Geschichte und Gegenwart meiner eigenen Unterdrückung. Mein Aktivismus ist ein Kampf um Anerkennung. Ein Kampf um die Wiedergewinnung meiner Würde.
Oft habe ich mich gefragt, woher die Dringlichkeit kommt, die diesen Kampf so verlässlich antreibt. Als weiße Person mit vielen finanziellen und sozialen Privilegien schien es in meiner Jugend, als würden mir alle Türen offenstehen. Ich zweifelte nicht daran, dass sich die Wünsche, die ich für mein Leben hatte, erfüllen würden – denn genau das war es, was mir vermittelt wurde. Zwar fühlte ich mich schon damals als Außenseiterin, doch ich konnte lange nicht benennen, warum.
Heute weiß ich: Was mich von der Mehrheit der Menschen unterscheidet, ist von außen unsichtbar.
Von diesem unsichtbaren Ort aus ist mein Aktivismus entstanden. Er richtet sich gegen Normen, die verletzen, gegen Systeme, die Menschen vereinzeln, und gegen die stille Gewalt des So-sein-Müssens.
Ich möchte Räume öffnen, in denen Abweichung nicht als Defizit gilt, sondern als Wissen. Räume, in denen Verletzlichkeit politisch sein darf. Mein Engagement ist der Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen, Würde zurückzugewinnen und gemeinsam Formen des Zusammenlebens zu erproben, in denen Integrität nicht verhandelbar ist.
